Der Pastor Horst Kasner war bei der Geburt seines Erstgeborenen nicht anwesend. An diesem Tag, dem 17. Juli 1954, transportierte er mit dem Familien-Transporter Möbel in ein abgelegenes Dorf in Ostdeutschland. Dort sollte er sein Leben als junger Priester beginnen. „Nur Kommunisten oder Dummköpfe ziehen freiwillig nach Osten“, hatten damals die westdeutschen Transportunternehmer zu Kasner gesagt. Mit über 1,80 m Größe war der 28-Jährige mit markanten Zügen einer der wenigen, die dem Aufruf seines Bischofs von Hamburg, Hans-Otto Wölber, zum Dienst in der sowjetischen Zone folgten, wo nur wenige Geistliche waren. „Ich würde überall hinreisen, um das Wort unseres Herrn zu verkünden“, sagte Kasner später. Er hatte im Vorjahr gerade seine Frau Hermine, eine 26-jährige Englischlehrerin, geheiratet. Horst hatte die hübsche, blauäugige Hermine Gentsch, die in Danzig geboren wurde, gewarnt, dass die Pflicht gegenüber der Kirche immer an erster Stelle stehen würde. Und er hielt sein Wort.
Kasner – der bei seiner Geburt Kazmiarczak hieß, weil sein polnischer Vater ihn so genannt hatte, und der in Berlin aufgewachsen war – war sieben Jahre alt, als Hitler 1933 an die Macht kam. Mitglied der Hitlerjugend in der Schulzeit und mit achtzehn Jahren in den Wehrmachtstruppen rekrutiert, soll er im folgenden Jahr von den Alliierten festgenommen worden sein, obwohl die Details dieses Kapitels den Forschern nicht vorliegen – falls es überhaupt noch Unterlagen gibt, nach so vielen Jahrzehnten. Nach seiner Freilassung studierte er Theologie an der renommierten Universität Heidelberg und später in Hamburg. Dies sind alle öffentlich bekannten Informationen über die Vergangenheit des Vaters von Angela Merkel.