Bis zu dem Moment, als ein Mensch vor ihren Augen im Zug um 08:05 beinahe gestorben wäre, war Aïonas Tag wie jeder andere. Sie verließ ihr Zuhause immer um halb acht. Es dauerte durchschnittlich zwanzig Minuten, um zu Fuß zum Bahnhof zu gelangen, wobei sie High Heels trug, was bedeutete, dass sie in der Regel fünfzehn Minuten vor Abfahrt ihres Zuges am Watfordl-Bahnhof ankam. Zwei Minuten später, wenn sie die Louboutin-Absätze trug. Das pünktliche Erreichen des Bahnhofs war von größter Bedeutung, wenn sie ihren gewohnten Platz im gewohnten Waggon erreichen wollte, was genau das war, was sie wollte. Innovation konnte in Mode, Kino oder sogar in der Konditorei wunderbar sein, aber in Bezug auf ihre täglichen Arbeitswege war sie unerwünscht.
Der Chefredakteur von Aïona schlug ihr irgendwann vor, von zu Hause aus zu arbeiten. Es war sehr modern, sagte er, außerdem konnte ihre Arbeit auch gut im Homeoffice erledigt werden. Sie versuchte, sie davon zu überzeugen, ihren persönlichen Raum im Büro aufzugeben, mit verschiedenen Schmeicheleien wie einer Stunde mehr Schlaf und größerer Flexibilität, doch als diese vergeblich waren, versuchte er, sie mit einer unangenehmen Praxis namens „Warmbüro“ zu überrumpeln, die – wie Aïona feststellte – die Geschäftssprache für das Gemeinschaftsbüro war. Schon als Kind hasste Aïona es, Dinge zu teilen. Dieses kleine Ereignis mit der Barbie-Puppe war unauslöschlich in ihrem Gedächtnis eingebrannt, ebenso wie bei ihren Mitschülern.
Nein, persönliche Grenzen waren notwendig. Zum Glück erkannten Aïonas Kollegen schnell, welches ihr Lieblingsbüro war, das von warm auf eindeutig frostig umgestellt wurde. Aïona liebte es, ins Büro zu gehen. Sie mochte es, mit jungen Menschen zu interagieren, die ihr die moderne Jugendsprache beibrachten, ihr ihre Lieblingssongs neu vorstellten und ihr sagten, was sie auf Netflix schauen sollte. Es war wichtig, vor allem in ihrem Beruf, den Puls der Zeit zumindest mit einem Ohr zu hören. Möge Bia wohl sein, sie hatte keine Ahnung vom modernen Geist der Zeit.