Und ich hörte eine Frau, eine einfache alltägliche Frau, die ihre Erlebnisse erzählte. Das, was sie durchgemacht und ertragen hatte. Ihre Worte haben mich erschüttert. Einige Details aus ihrer Lebensgeschichte, das, was sie mit zitternder Stimme, ihrer Wahrheit, gegenüber dem Journalisten zu sagen wagte, bekamen in mir Gestalt und Leben. Und wurden Gedanken und danach Worte, Sätze. So entstand genau das Buch „Glaub nicht an die Wahrheit“. Ich versuchte, meine Heldin beim Schreiben zu fühlen. Ich versuchte, mir die Tragik ihrer Momente vorzustellen. Schwierig. Sehr schwierig. Irgendwann fror ich ein. Irgendwann hörte ich auf zu schreiben. Sogar auf, an die Geschichte zu denken. Und dann beschloss ich, ein Spiel mit mir selbst zu spielen. Ich drängte mich, nicht an die Wahrheit des Lebens dieser Frau zu glauben. Denn wenn ich dieses Spiel nicht gespielt hätte, wenn ich nicht versucht hätte, nicht an die Wahrheit ihres Lebens zu glauben, glaube ich nicht, dass ich das Buch hätte vollenden können. Nur so konnte ich mit ihr reisen. Nur so konnte ich sie rechtfertigen. Und ihr helfen, ihr Leben weiterzuführen. Wenn ihr, meine Herzensfreundinnen, Mütter seid, werdet ihr mich vollkommen verstehen. Es ist unmöglich, sich in das Leben einer Frau hineinzuversetzen, die unwissentlich eine so schreckliche, so abscheuliche Tat begangen hat, wenn man nicht versucht, nicht an sie zu glauben.
Ich versuchte mir vorzustellen, dass ich ein Märchen schreibe. Diesmal aber nicht für Kinder, sondern für Erwachsene. So wurde es einfacher. Und so fand ich ganz leicht den Titel des Buches. Obwohl ich in jedem meiner Romane lange nach einem passenden Titel suche, wurde dieser diesmal sofort geboren. „Glaub nicht an die Wahrheit“, sagte ich immer wieder zu mir selbst, sagte es immer wieder zu meiner Heldin. Damit sie es aushalten kann. Damit ich auch zur Ruhe kommen, sie fühlen, ihre Handlungen verstehen, in ihr Leben eintauchen, es erzählen, ihr Erlösung schenken, vielleicht sogar vergeben kann. „Glaub nicht an die Wahrheit“ ist mein zweiter Roman in meiner schriftstellerischen Laufbahn. Er wurde 2007 veröffentlicht. Und jetzt reiste ich erneut in diese faszinierende Geschichte einer Frau, die das Unglück hatte, etwas so Tragisches zu erleben. Zu eurem Wohle.